In diesem zweiten Bericht vervollständigen wir den Rückblick auf das jüngst vergangene Festival sowie auf beliebte Performer:innen, die sich in den letzten Jahren als Stammgäste beim ImpulsTanz etabliert haben: Anne Teresa de Keersmaeker und Jan Lauwers’ Needcompany konnten ebenso wie die ImpulsTanz-Newcomerinnen Eun-Me Ahn und Dorothée Munyaneza überzeugen. Bei einigen der Dauergäste fragt man sich aber auch: warum der Hype?
So bewegte sich zu Beginn Publikumsliebling Boris Charmatz (Burgtheater Kasino) in seinem Solostück „Muette“ auf den Spuren des deutschen Ausdruckstanzes der Zwischenkriegszeit. Nackt und extrem in die innere Befindlichkeit vertieft, ließ er die Zuschauer:innen teilhaben an seiner Gefühlschoreografie. 
Experimentierte er vor drei Jahren im Solo „Somnole“ mit liminalen Zuständen, so ging es jetzt gemäß Programmtext um die körperliche Transformation von Sprachlosigkeit, angetrieben von nicht näher definierten leidvollen Erfahrungen, wahrscheinlich dem tristen Zustand der Welt. Viele im begeisterten Publikum empfanden die knappe Stunde ohne Musik und mit nichts als dem schwitzenden, sich durch den Raum bewegenden, mitunter hyperventilierenden Charmatz als spannenden, puren und selbstverständlich politischen Tanz. Denn es drehte sich ja um den „Körper“, um diese heute in der Performancewelt so oft beschworene Instanz. Doch vielleicht wäre es an der Zeit, jene seit Rationalismus und Aufklärung dominante Dichotomie von Körper und Geist einmal philosophisch zu hinterfragen? It’s always the body, what else ...?
Ähnlich wie Charmatz ist auch der amerikanische Künstler Trajal Harrell / Zürich Dance Ensemble ein Alltime-High-Liebling. Eine Auseinandersetzung mit seinen Stücken führt aber immer wieder zu Fragezeichen – was genau gefällt dem Publikum so gut? Er ist zweifelsohne charismatisch und hat durchaus witzige und charmante Performances gezeigt, etwa „Maggie the Cat“. Doch weder ist er ein besonderer Tänzer noch Choreograph. Sein Stück mit dem großspurigen Titel „Judson Church is Ringing in Harlem (Made-to-Measure) / Twenty Looks or Paris is Burning at the Judson Church (M2M)” im Odeon versprach zwar eine interessante Auseinandersetzung mit tanzhistorischen Phänomenen der Postmoderne, aber löste es nicht ein.
Da sollte fiktiv, also ahistorisch, die New Yorker Ballroom-Szene der Sechziger Jahre auf die Neoavantgarde des experimentellen Judson Dance Theater treffen. Konzeptuell vermurkst wurde dazu noch der legendäre LGBT-Filmklassiker über die Voguing-Szene von Jennie Livingston, „Paris is Burning“ (1990). Ein spannender Aspekt, der aber auf daraus entstehende Fragen gar nicht erst einging. Die von Harrell und zwei weiteren Tänzern auf der Bühne dargebotene, simple Zusammenlegung von Tanzstilen reicht konzeptuell nicht aus. Natürlich sitzen im Publikum nicht lauter Theaterhistoriker:innen, und den meisten Menschen ist es auch egal, worum es letztlich geht. Aber wenn man schon einen Titel so für Spezialist:innen konzipiert, dann weniger oberflächlich bitte.
Gefeiert, schon bei den Wiener Festwochen, wurde auch Harrells Stück „O Music Music“ (Odeon). Wie schön, dass er eine Playlist von Songs zusammengestellt hat, die ihm wichtig waren, wohl hauptsächlich für ihn selbst. Eine sehr banale Feststellung, wie wichtig ihm Musik ist. Es gibt wohl kaum Choreograph:innen, für die das nicht gilt. Den ersten Song musste man nach Harrells Aufforderung gleich selbst auf YouTube googeln, ein Duett von Elton John und Dua Lipa. Das sei nämlich so ein positives Video, so Harrell, der nicht einmal live sprach, sondern dessen Worte durch eine vom Band gesprochene Stimme ertönten.
Eine unangenehme Situation, den Alltag mit Mobiltelefonen im Theater erleben zu müssen, auch wenn Harrell das ironisch finden mag. Auch hier wiederum ein langweiliger Tanzstil mit permanentem Vogueing, Catwalk und dazu irgendwas mit den Armen. Aber vielleicht entsteht so Bonding mit den Fans – man hört seine Lieblingssongs und tanzt dazu, einfach so. Kennen ja alle. Das einzige Highlight dieses Abends: Die portugiesische Fado-Sängerin Lula Pena trat zweimal auf, sang und spielte live. Leider nur zwei Lieder.
Bewährtes …
Die legendäre Needcompany um den belgischen Theatermacher Jan Lauwers brachte ein Stück von Lauwers’ Ehefrau und Company-Urgestein Grace Tjang nach Wien. In „The Garden of Earthly Disquiet“, einer Referenz auf das Werk „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch, verarbeitete Tjang ihre familiären Wurzeln im von Portugal und den Niederlanden kolonialisierten, dann von Japan besetzten Indonesien (Akademietheater). Dabei wurden konkrete Kindheitserfahrungen, Traumata und mythologische Motive verwoben. Wie immer bei der Needcompany spielten Musik und Tanz eine große Rolle, und das stimmungsvolle und aufwendige Bühnenbild war eine angenehme Abwechslung zur Kargheit sonstiger Tanzstücke. Insgesamt sehr engagiert und sympathisch, aber künstlerisch eher kein Highlight.
Im Gegensatz zum darauffolgenden „Needlab“ der Needcompany (Odeon), von dem man sich gar nicht so viel erwartet hätte, war es doch eben ein „Laboratorium“ und kein fertiges Stück. Tatsächlich aber war es einer der interessantesten Abende des Festivals, noch dazu inklusive einer Geburtstagsfeier. Die Needcompany feiert nämlich vierzig Jahre! Liebenswerterweise bekam das Publikum selbstgemachte Cocktails zum Anstoßen. Doch es war nicht nur lustig. Vielmehr konnte man auf spannende Weise einem „Work in progress“ folgen und teilhaben am Diskurs innerhalb der Company um die Entstehung eines neuen Stückes, in diesem Fall zum Thema künstliche Intelligenz. Es wurden Szenen gespielt, musiziert, getanzt, und Jan Lauwers kommentierte das Geschehen. Ein toller Abend, wenn auch zu lang.
… und Neues
Anne Teresa de Keersmaeker, sei es mit ihrer Company Rosas oder in temporären Partnerschaften mit anderen Künstlern, ist zweifelsfrei immer ein Highlight bei ImpulsTanz. Sie gehört seit mehr als dreißig Jahren zu den innovativsten un
d kreativsten Choreograph:innen der Gegenwart. Dabei ist unerheblich, ob ein Stück gelegentlich mehr oder weniger gefällt, denn sie schafft durch ihre Intelligenz, Musikalität und Phantasie stets Top-Niveau. Über die erste der diesmal gezeigten beiden Arbeiten, „Il Cimento dell’Armonia e dell’Inventione“, wurde auf tanz.at bereits berichtet.
Das zweite Stück in dieser Festivalausgabe, „A little bit of the Moon“ als Duett mit dem Libanesen Rabih Mroué, bewies wie so oft De Keersmaekers Genialität, selbst in kleinem Kreis. Das ist wörtlich zu verstehen, denn sie tanzte gemeinsam mit Mroué inmitten eines großen Sesselkreises, den das Publikum im Studio 2 des Arsenals gebildet hatte. Es war eine sehr persönliche Begegnung zweier einander tief respektierender Künstler:innen, in der sie sich gemeinsam bewegten, miteinander sprachen und auch musizierten. De Keersmaeker spielte etwa Flöte, und selbst wenn man nach einer Stunde vielleicht dachte, „nun ist es ja gut“, schaffte sie es wieder einmal, das Publikum zu überraschen. De Keersmaekers Arbeit ist immer politisch, auch ohne explizit diskursive Performances, und sie thematisiert zudem schwierige Themen der Zeit, besonders wie in diesem Fall in Kooperation mit einem libanesischen Künstler.
Doch bei aller zeitweiligen Schwere wusste sie ein überraschend heiteres, optimistisches Zeichen am Ende zu setzen. So reichten De Keersmaeker und Mroué den sitzenden Zuschauer:innen die Hände und baten zum gemeinsamen Tanz. Die meisten gaben auch keinen Korb, und so endete diese Stunde einer Tanzperformance höchst würdig, nämlich im beschwingten und fröhlichen Tanz aller mit allen.
Überraschend war auch der Eindruck des zweiten Stückes der koreanischen Choreographin Eun-Me Ahn, „North Korea Dance“ (Volkstheater). Wärhend die pompöse Show „Post-Orientalist Express“ zwar vom Publikum sehr bejubelt worden war (tanz.at berichtete), blieben Fachleute einigermaßen ratlos zurück. Der zweite Abend dagegen zeigte klar, dass die ausgezeichneten südkoreanischen Tänzer:innen nicht nur originelle Kostüme inmitten eindrucksvoller Bühnenbilder präsentieren konnten, sondern auch zeitgenössische Tanztechniken formidabel beherrschten. Wobei das eigentlich nicht überraschen sollte, denn europäische Tanzformen wie Ballett haben längst jede Menge Fans in Südkorea, und auch in Seoul gibt es ausgezeichnete Ballett/Tanzschulen. Importierte Tanzformen sind längst internationalisiert und auf produktive Weise mit asiatischen Stilen amalgamiert.
Eun-Me Ahn ist sehr erfolgreich in Asien, tanzhistorisch versiert und hat auch die erforderlichen Bühnenmittel zur Verfügung, um ein ihrer Heimat so wichtiges Anliegen wie die traumatische Trennung in zwei koreanische Staaten in spezifischer, aber gleichzeitig international dekodierbarer Form zu verarbeiten. „North Korea Dance“ schaffte es, mit einer vordergründig fröhlichen und witzigen Oberfläche gleichzeitig tiefer zu berühren. Da wurden historische Versatzstücke als choreographische Basis aufbereitet, die aus Bildmaterial stammen, das dem Publikum eingangs als Projektionen auch gezeigt wurde. Man sah alte, traditionelle koreanische Tanzformen wie auch stramm-kommunistische Militärballette aus der Epoche des Diktators Kim Jong-il.
Letztere wurden parodiert, insbesondere die grinsenden Gesichter im akkuraten Stechschritt, und dennoch blieb die Veräppelung liebevoll, keineswegs verhöhnend. Denn zu schmerzhaft ist der politische Status quo, der wieder mehr frozen scheint als zuvor. Auch die Musik war gut gewählt mit Livemusik auf der koreanischen Zither, und selbstverständlich durfte auch K-Pop nicht fehlen, ein Exportschlager und bei jungen Menschen international hoch im Trend. Zudem gab es eindrucksvolle, aufwendige Kostüme und ein ausgefeiltes Bühnensetting. Tänzerisch war dieses Stück deutlich anspruchsvoller und vielfältiger gestaltet durch komplexe Bewegungsphrasen und akrobatische Leistungen. Eindeutig das überzeugendere Stück, das Interesse an weiteren Gastspielen geweckt hat.
Ein weiteres, unauffälliges Highlight boten Dorothée Munyaneza/Kadidi Company aus Ruanda mit „UMUKO“ (Odeon). Die während des Völkermords an den Tutsi aus ihrer Heimat geflohene Künstlerin, die heute in Frankreich lebt, erwies sich als begnadete Choreographin, Sängerin und Theaterfrau. Das narrative Zentrum des Stückes um Munyaneza und vier Tänzer/Musiker war ein ruandischer Topos, der Umuko-Baum als mythologischer „Bewahrer von Geschichten“. Auch wenn dieser Stoff sich nicht unmittelbar europäischem Publikum erschließen mag, so übermittelte eine dichte Dramaturgie/Choreographie mit ebenso komplexem wie mitreißendem Tanz, eindringlicher, live gespielter Musik und guter Lichtregie eine ganz spezielle Stimmung. In einer gelungenen Fusion westlicher und afrikanischer Theaterpraxis definitiv ein Höhepunkt des Festivals.