Rhapsody ACasalinhoSie ist wieder da: Die legendäre Wiener Ballettbegeisterung. Mit der Gala zu Ehren des “Erfinders” des britischen Balletts, Frederick Ashton, beendete Ballettchefin Alessandra Ferri ihre erste Saison, für die sie und ihre fabelhaften Tänzerinnen und Tänzer nicht enden wollenden Applaus ernteten. Und ich frage mich: Warum haben wir so wenige Ballette dieses Choreografen der Eleganz in Wien gesehen, geschweige denn im Repertoire?

Als “Einstiegsdroge” in Ashtons tänzerisches Universum gab es eine Premiere: “Rhapsody” zu Sergei Rachmaninows Klavierstück über ein Thema von Paganini – wunderbar interpretiert von Yoko Kikuchi – eröffnete den Abend. In diesem Spätwerk entfaltet sich die Musikalität und Bewegungsfreude dieses Choreografen in seiner ganzen Pracht. Komplexe Sprungkombinationen der Männer wechseln sich mit lyrischen Passagen ab, in jedem Fall sind hier aber flinke Füße gefragt. Wenn Cassandra Trenary auf die Bühne trippelt, scheint sie eine gefühlte Ewigkeit auf Spitze zu stehen, bevor sie von ihrem Partner entdeckt wird. Diese Rolle, ursprünglich für keinen Geringeren als Mikhail Baryshnikov kreiert, füllt der Sprung-gewaltige António Casalinho bravourös und anmutig aus. In ihrem Pas de deux versprühen die beiden rundherum Freude. 

“Rhapsody” war ein klug gewählter Auftakt, der das Publikum gleich einmal in Begeisterung versetzte, die sich im Laufe des Abends kontinuierlich steigern sollte. 

DerSterbendeSchwan KPapavaAlessandra Ferri hat die seit 2011 traditionelle Nurejew-Gala ganz neu aufgesetzt. Statt der Videoeinspielungen erklärte sie in einer kurzen Präsentation die Logik des Abends. Wie Ashton vom Ballett-Virus erfasst wurde, als er Anna Pavlova als “Sterbenden Schwan” in Lima gesehen und danach beschlossen hat, Tänzer zu werden. Nun wurde dieses ikonischen Stück der Ballettliteratur von Ketevan Papava einzigartig interpretiert. Mit einigen wenigen Akzenten, verleiht sie dem Todeskampf eine neue ästhetisch-menschliche Dimension, die tief berührt. 

An der Seite der Gründerin des Royal Ballet, Ninette de Valois, entwickelte sich Ashton nach seiner Tänzerkarriere zur wichtigsten Choreografen-Stimme Großbritanniens. 1964 setzte er einen weiteren Meilenstein in der internationalen Ballettgeschichte, indem er Rudolf Nurejew mit der 19 Jahre älteren Margot Fonteyn für den Pas de deux in “Le Corsaire” besetzte. Der Rest ist Legende … In der Gala überzeugte darin der Etoile der Pariser Oper Paul Marque an der Seite von Liudmila Konovalova, die allerdings einige technische Schwächen zeigte. 

Die ErbfolgeGoldenHour Ensemble 01

Als zweite Wien-Premiere des Abends verwies die Choreografie “Within the Golden Hour” von Christopher Wheeldon auf die Fortführung von Ashtons Erbe in der Gegenwart. Das Stück, das 2008 für das San Francisco Ballet entstand, ist nicht nur ein Augenschmaus, sondern weist Wheeldon auch als höchst musikalischen Tanzschöpfer aus – die Komposition von Ezio Bosso ist geschickt mit Musik von Antonio Vivaldi verwoben.

GoldenHour MYoung AFrolaInspiriert von Klimts “Goldener Periode” treten die Tänzer:innen in gold schimmernden Kostümen (von Jasper Conran) auf, die mit ihrer Haut verschmelzen. Die Lichtregie von Peter Mumford kreiert die satte Ästhetik eines Sonnenuntergangs. In dieser Abenddämmerung stehen drei Pas de deux im Mittelpunkt: kokett flirtend Sinthia Liz und Victor Caixeta; melancholisch und wehmütig Elena Bottaro und Masayu Kimoto; knisternd erotisch Madison Young und Alessandro Frola. Hervorragend auch das Duett von Alessandro Cavallo und Rinaldo Vinuti, die an diesem Abend in den Solistenrang aufrückten. GoldenHour EBottaro MKimoto

Fokus auf die Tänzer:innen

Ferri hat in ihrem ersten Jahr nicht nur neue Talente ins Ensemble integriert, sondern auch einige interessante Tänzerpersönlichkeiten ans Licht gebracht, darunter die Brasilianerin Sinthia Liz. Sie wurde bereits in der Saison 2020/21 Mitglied des Wiener Staatsballett, doch ihr Talent entfaltete sich erst in dieser Saison voll. Dafür wurde sie kürzlich vom Freundeskreis Wiener Statsballett mit dem Förderpreis ausgezeichnet. 

DanceOfTheBlessedSpirits2025 ging dieser Preis an Natalya Butchko, die seit 2016 hier tanzt und an diesem Abend an der Seite von Duccio Tariello im Pas de quattre aus dem 3. Akt von “Schwanensee” zu sehen war. Die gebürtige Amerikanerin und der Italiener avancierten im Anschluss an die Gala in den Rang von Solist:innen.

Einer der profiliertesten Tänzer des Wiener Staatsballett ist zur Zeit wohl Alessandro Frola, der in dieser Saison vom Hamburg Ballett zum Wiener Staatsballett wechselte. Seine außergewöhnliche Bühnenpräsenz, gepaart mit technischer Stärke und emotionalem Ausdruck, bewies er an diesem Abend als Partner von Madison Young in Wheeldons Ballett sowie im Solo “Dance of the Blessed Spirit” von Frederick Ashton zur Musik von Christoph Willibald Gluck.

Ashtons Wiener Bezug

Schön, dass sich ein Kapitel im Programmheft den Verbindungen des Briten zu Wien widmet. 1929 trat er als Tänzer des Ida-Rubinstein-Balletts an der Wiener Staatsoper auf, seine Werke wurden bei Gastspielen gezeigt, einige fanden auch Eingang in das Repertoire des Wiener Staatsopernballetts, darunter das berühmteste seiner Ballette: “La fille mal gardée”. Dieses komödiantische Ballett wurde zum internationalen Dauerbrenner seines Schaffens und ist seit 1986 ein immer wiederkehrendes Werk im Wiener Repertoire. Ein Ausschnitte daraus durfte natürlich auch bei der Gala 2026 nicht fehlen. Margarita Fernandes gab eine bezaubernde und spritzige Lise, vor deren Anmut Colas (Davide Dato) charmant kapituliert. LaFilleMalGardee

“La fille mal gardée” ist exemplarisch für Ashtons Gespür für Theater und seine Fähigkeit Geschichten zu erzählen. Darin unterscheidet er sich von George Balanchine, seinem Pendent in der Tanz-Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts. Ein Ausschnitt aus dessen “Diamonds” ließ das Ensemble des Wiener Staatsballett zum Abschluss des Abends glänzen. Olga Esina ist nach wie vor an Sicherheit und Eleganz im Balanchine-Stil unübertroffen. Sie strahlt in den schwierigen Variationen eine nahezu meditative Ruhe aus, auf die ihr Partner Victor Caixeta noch nicht die adäquate Antwort gefunden hat. 

GoldenHour Ensemble 02Auch nach 3 1/2 Stunden war es den Zuschauer:innen nicht genug. Sie wollten sich schlichtweg nicht vom Ensemble trennen und bedankten sich enthusiastisch für diese fulminante Gala. Immer wieder holten sie die Tänzer:innen, den kongenialen musikalischen Leiter David Coleman und die Ballettchefin vor den Vorhang. Alessandra Ferri und ihre Team haben es geschafft: sie haben die Herzen des Wiener Publikums erobert!

Wiener Staatsballett: Gala 2026 am 29. Juni 2026 an der Wiener Staatsoper.