Pin It

Vrum LeuchtfeuerZehn Jahre VRUM: im Zentrum der Körper, der Dialog, die Begegnung. Tanz, Musik, Theater, Bildende Kunst und neue Medien verarbeitet das VRUM Performing Arts Collective zu Performances, Konzerten, Theateraufführungen, Work- und Playshops und Installationen, meist für junges Publikum. Es sucht nach neuen Perspektiven und lädt zur Neubetrachtung der Welt.

Sanja Tropp Frühwald hat VRUM 2007 zuerst in Kroatien, dann 2016 in Österreich gegründet. Das Zehn-Jahre-Jubiläum wurde mit  einem dichten „Vrumstival“ im Dschungel gefeiert: „Exzellent, explosiv, exemplarisch“ (Zitat Saskia Schlichting, WUK, bei der Eröffnung). Als Eröffnungsproduktion war das Stück „Leuchtfeuer“, ein Tanztheater mit Livemusik der Gründerin, zu sehen. Gemeinsam mit Gat Goodovitch Petzer und Till Frühwald realisierte Tropp Frühwald am Folgetag die immersive Tanzinstallation „The Milky Way“ und kreierte mit diesen beiden Werken die Theatermagie für die und mit den Kleinen und die Kleinsten.

Im Wir gemeinsam leuchten 

Das Bühnenbild erinnert an den „Fliegenden Holländer“: ein Schiff, groß, rostig, abweisend, unter Rauchschwaden, es dunkelt und nebelt. Weiße Takelage, zerfetzter Stoff von der Decke hängend, flackernde Lichter. Aus dem einen Bullauge kriecht immer wieder eine Krakententakel. 

Es betritt ein Musiker das Schiff, für ihn steht eine kleine Bühne bereit. Mit Piratenhut und umgeschnallter Gitarre dröhnt er in den Raum. Die Tänzer:innen bevölkern langsam das Schiff, sind es Pirat:innen, Gestrandete, Suchende? Eine Sängerin nimmt sich das Mikro, sie geräuscht, summt, singt, schreit. Bis der Sturm einsetzt, gewaltig mit Wind, Donner und Blitz, und alle durcheinanderlaufen, jede/r für sich, zu zweit, Schutz suchend und doch allein bleibend. 

Die Performance bleibt nicht an einer Geschichte, sie mäandert durch Gefühle und Ausdrücke (die leider in der Lautstärke der Musik untergehen). Immer wieder scheint die Performance zu enden, im Dunkel aufzugehen, bis sie dann zu einer neuen Facette der „wilden, poetischen und hoffnungsvollen Reise durch stürmische Zeiten“ (aus dem Programmheft) aufbricht.

Die sechs intergenerationellen Performer:innen, davon zwei Kinder, in der Regie und Choreographie von Sanja Tropp Frühwald tanzen, schweben, laufen durch den Raum, erkunden das Schiff und seine Möglichkeiten, geben Bewegung vor, die sich mehrkörperlich widerspiegelt. Sie drehen, hüpfen, stampfen, winden sich auf der Suche nach Gemeinsamkeit und dem Halt und Orientierung gebenden Leuchtfeuer. In den Solis werden Ängste vertanzt, Einsamkeit, Abwehr, auch Wut, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit.

„Willst du aus dem Sturm hinaus, musst du Veränderung zulassen“. Was zuerst einmal nicht gelingt. Bis dann die beiden Kinder die Brücke des Schiffes übernehmen, mit „Freundschaft voraus“ das Motto vorgeben und die Neugierde aufeinander, das Miteinander und die Freude den Kurs leiten. Und auch das erst feindliche Meer wird zum Freund, es wird geschwommen, Möwen begleiten die Schiffsreisenden, Korallenriffe bewegen sich leicht, Delphine hüpfen durchs Wasser, Spaß kommt auf.

Diese Performance ist gleichzeitig auch Konzert: Livemusiker Ivan Marojevic und Sängerin Vanesa Petrac begleiten, wechseln von kraftvoll rauschend pulsierenden Rhythmen zu einfühlsamen Melodien, überzeugend durch die Vielschichtigkeit des stimmlichen Ausdrucks. Beim nächsten Gewitter stehen die Performer:innen dann zusammen, sie haben das Orientierung gebende Leuchtfeuer gefunden und leuchten im Wir gemeinsam.

The Milky Way

Vrum MilkyWayDas Publikum betritt den Raum: weißer, weicher Boden, pastellene Farben, hängende Fädenvorhänge, weiße Stoffbahnen, drei Tunnelblöcke. Das Publikum, Kinder im Alter von 6 bis 18 Monaten und deren Begleitpersonen, lässt sich im Kreis nieder, die Musik beginnt leise, die Atmosphäre ist gelöst, ruhig, aufmerksam. Tanzende Finger spielen hinter zitternden Fäden, wackelnde Zehen verstecken sich hinter wehendem Stoff, Beine strecken sich in die Luft. Drei Performer:innen ermöglichen mit kleinen Anreizen das Ankommen, das Entdecken. 

Die jungen Besucher:innen erkunden in der Sicherheit ihrer Begleitpersonen ihren Aktionsradius. Dann wird die Musik zur Melodie, die Performer:innen bewegen sich in die Kreismitte, deren tänzerische Bewegungen, die Arme und Beine laden zum Mitbewegen ein. 

Es kommt ein großer weißer weicher Ball, rollt über den Boden von einem zum anderen. Die Kinder trauen sich zu erkunden, sich im freien Raum zu bewegen, zu krabbeln, laufen, tasten, auch laut zu kommentieren und mit den Tänzer:innen in Kontakt zu treten. 

Die Performer:innen verschwinden langsam in den Kulissen, nachdem sie jedem Kind einen kleinen Ball geschenkt haben. Der Raum wird zum Spielplatz, die kleinen Bälle rollen von Person zu Person, werden aufgehoben, geworfen, auch beschützt, die Spielwiese ist eröffnet. Auch die Eltern beteiligen sich, kommen leise miteinander ins Gespräch, freuen sich an der Freude ihrer Kinder. 

Die Installation ist konzipiert und entwickelt von Gat Goodovitch Petzer, Till Frühwald und Sanja Tropp Frühwald. Die beiden Letzteren performen gemeinsam mit Jolyane Langlois in fein abgestimmter Choreographie, immer achtsam, immer in Kontakt und reagierend auf die Besucher:innen. Diese Feinfühligkeit ist durchgängig: Die Kinder reagieren auf die Klänge der Musik, auf die wenigen ausgesuchten Materialien, die Bewegungen der Performer:innen. Zuerst vorsichtig, beobachtend, dann aktiv und neugierig Raum und Materialien erkundend. Mit welcher Sorg- und Achtsamkeit die Performer:innen den Kindern das Eintauchen in die Installation ermöglichen, mit welcher durchgängigen Aufmerksamkeit sie die Kinder umtanzen, mit welcher Umsicht sie ein fühlbares Kunsterlebnis mit Bewegung, Objekten, Formen, Farben, Klang und Raum ermöglichen ist beeindruckend, voll im Moment.

„Leuchtfeuer“ am 29. April 2026, „The Milky Way“ am 30. April im Dschungel Wien im Rahmen des VRUM-Festivals