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  Staatsballett Berlin: "Nurejew". Im Bild: David Soares und Ensemble © Carlos Quezada                         Drei Tage vor dem Uraufführungstermin am Bolschoi abgesagt (wegen des unbotmäßigen Regisseurs, sagen die einen, weil es zu schwul war, die anderen, weil es nicht fertig war, die dritten), Monate später, im Dezember 2017, doch zur Premiere gebracht (während der Regisseur in staatlich verordnetem Hausarrest saß), 2023 abgesetzt aufgrund des Verbots von „Propaganda nicht traditioneller Werte“: In der Geschichte des „Nurejew“-Projekts des Regisseurs Kirill Serebrennikov spiegelt sich im Kleinen die Menschenverachtung, mit der Putins Diktatur die russische Gesellschaft vergiftet. Jetzt ist „Nurejew“ in Berlin zu sehen, und das ist gut so. Aber ist auch gut, was da zu sehen ist?

„Nurejew“ ist ein außergewöhnlicher Kraftakt an Menschen, Material und Logistik, und der gelingt am Premierenabend in beeindruckender Weise. Mehr als 200 Personen sind beteiligt: Die größte Ballettkompanie des Landes und Schülerinnen der Staatlichen Ballettschule, das Orchester der Deutschen Oper Berlin im Graben, Solo-Musiker und eine Jazz-Combo auf der Bühne, ein Schauspieler, drei Gesangssolisten und ein zwei-Dutzend-köpfiger Chor, Statisten in großer Zahl, ein stattlicher Trupp Bühnenarbeiter für mehrere Umbauten auf offener Szene und wer weiß wie viele Personen hinter den Kulissen.

Auch der Ausstattungs-Aufwand ist gewaltig: In zwei Akten und elf Szenen, deren dramaturgischer Rahmen eine der Auktionen ist, bei denen nach Nurejews Tod dessen Besitz versteigert wurde, erschlägt uns die Produktion geradezu mit Nach- und Abbildungen gefühlt der gesamten, riesigen Kunstsammlung Nurejews, überflutet uns mit Projektionen historischer Fotos seiner Tanzpartnerinnen und -partner und von Nurejew selbst (inklusive des berühmtesten der Fotos, für die der 23-jährige, frisch in den Westen geflüchtete Nurejew Richard Avedon 1961 „voll frontal“ Modell stand), und unentwegt zieht eine Kostümorgie (Elena Zaytseva) stets neuer Trikots, Kleider, Gewänder und Roben am Auge vorbei, die Nurejew selbst und mehrere Alter Egos immer wieder neu in seinen Bühnenrollen sowie als Schüler, Medienstar, Dandy oder Dirigent zeigt, die in großen Ensembles Leningrader Ballettsaal-Atmosphäre und sowjetisches Komsomol-Leben illustriert, Pariser Mode-Chic und schwule Subkultur, und schließlich sogar einen ganzen „Sonnenkönig“-Hofstaat und die „Bayadère“-Schatten auf die Bühne bringt – und was nicht alles mehr. Und selbst, wenn Nurejew und acht muskulöse Herren (in einer Szene stellen sie Motive aus Nurejews Gemäldesammlung männlicher Akte nach) nichts anhaben, was ausführlich der Fall ist an diesem Abend – selbst dann ist der stoffliche und personelle Aufwand zur dezenten Kaschierung der allzu sehr den Blick bannenden Details enorm.

                               Alle Äußerlichkeiten an diesem Abend sind groß, nichts an „Nurejew“ ist unterhalb der Marge „Luxus“ angesiedelt – und man zieht gleich mehrere Hüte vor Staatsballett-Intendant Christian Spuck und seinem Team dafür, dass sie in Zeiten sinkender Subventionen eine solch opulente Produktion zu stemmen vermögen. Der materielle Aufwand der Produktion und ihr Sujet – Nurejew erlangte neben Weltberühmtheit auch großen Reichtum – entsprechen einander. Doch in anderen Aspekten macht sich die Produktion erstaunlich klein – und ihr Sujet gleich mit.

Zu Ilya Demutskys Musik (die Nummern changieren beständig zwischen „heutigen“ Tönen und Zitaten aus den Ballettstücken, die auf der Bühne zu sehen sind) wird in „Nurejew“ viel getanzt – was denn auch sonst. Doch „Nurejew“ ist von der Anlage her nicht ein Ballett, sondern ein Theaterspektakel mit Tanz. Gesprochene, zum kleineren Teil auch gesungene Texte sind das A und O des Konzepts - und es wird viel gesprochen an diesem Abend (der auf diese Weise ganz nebenbei die Eigensicht vieler Tanzschaffender ad absurdum führt, Tanz sei per se eine „einfach so“ und überall zu verstehende eigene Sprache, die des erklärenden Wortes nicht bedarf). Angelpunkt der Inszenierung ist folgerichtig ein Schauspieler. Odin Lund Biron beherrscht (in durchweg zu langen Szenen) als Auktionator gleichermaßen die Rahmenhandlung wie die Erzählung, wobei er auch in andere Rollen schlüpft – etwa als schlüpfriger Wiedergänger des Fotografen Richard Avedon. Als Rezitator liest er aus sowjetischen KGB-Akten vor, die Nurejews ideologische Unzuverlässigkeit aufs Korn nehmen, und immer wieder zitiert er ausführlich aus Briefen berühmter Kolleginnen und Kollegen an Nurejew, munter zwischen Englisch, Französisch und Russisch wechselnd, wozu dann etwa Polina Semionova in Makarova-Look samt ikonischem Kopftuch als „Die Diva“ auftritt oder Anthony Tette als „Der Schüler“ Nurejew – zwei hinreißend interpretierte Soli, ihre Wirkung aber verschenkt an den sie erdrückenden Text.

                               Und was erfahren wir dabei über Nurejew selbst? In Katja Wiegands lesenswertem Programmheft erzählen uns der Regisseur und Choreograph, wie wichtig es ihnen sei, in „Nurejew“ den Menschen Nurejew zu portraitieren. Der Russe Yuri Possokhov, seit vielen Jahren beim San Francisco Ballet zuhause, ist ein offensichtlich versierter Neoklassiker. In „Nurejew“ ist seine Choreographie facetten- und abwechslungsreich, flüssig und interessant fürs Auge, doch auch vorhersehbar und am besten dann, wenn sie – durchaus intensiv - zitiert, etwa aus Tetleys „Pierrot Lunaire“, aus Ashtons „Marguerite and Armand“, geschaffen für Nurejew und Fonteyn (wunderbar: Iana Salenko), oder am Ende der Erzählung aus Petipas „Bayadère“, die Possokhov als eine Phantasmagorie weiblicher und männlicher „Schatten“ des dirigierend sterbenden Nurejew gestaltet.

Was Possokhov indes nicht gelingt, ist eine choreographierte Annäherung an den Menschen und Künstler Rudolf Nurejew (was viele Zeitzeugen und er selbst wohl für dasselbe hielten). Das Stichwort „Ashton“ fiel schon: Es gab einmal Tanzschöpfer, gar nicht so lange her, die tatsächlich nicht Worte benötigten, sondern es vermochten, durch Bewegung (und Musik und Kostüm und Kontext und mithilfe fähiger Interpreten) Charakterzüge zu gestalten und auf den Grund der menschlichen Seele (einer Bühnenrolle) vorzudringen. Und wie sehr wären solche Qualitäten oder doch zumindest der ernsthafte Versuch hier vonnöten, wo es doch um einen Menschen gehen soll! Beispielhaft für das, was man hier vermisst, ist der zarteste Moment der Erzählung. Das mit einem Kuss endende Duett zwischen Nurejew und seiner Lebensliebe Erik Bruhn (Martin ten Kortenaar) bleibt in Possokhovs Gestaltung weit hinter seinem Potential zurück: Von Beginn an sind die Choreographie der Szene und ihr Ende vorhersehbar.

                               Abgesehen von dieser Liebesszene und von sekundenlangen Augenblicken, in denen hier eine Ahnung des rebellischen oder dort des todesahnungsvollen Nurejew aufblitzt, ist Rudolf Nurejew in „Nurejew“ ein Unsympath wie er im Buche steht. Wenn hier seine Bühnenversion einmal tatsächlich „menschlich“ wird, dann weit überwiegend in Situationen, in denen er sich unausstehlich verhält, andere vor den Kopf stößt und beleidigt, aufbrausend und jähzornig agiert. Es ist ein fundamentaler, bis zum Ende der Vorstellung nicht aufgelöster Widerspruch der Inszenierung gegen sich selbst: Die im Laufe des Abends vorgetragenen Briefe sind nichts anderes als dem Kollegen und Künstler, aber eben auch dem Menschen Nurejew gewidmete Liebeserklärungen (zu denen dann allerdings ausgerechnet nicht der Darsteller des Nurejew auftritt). Und gerne glaubt man, dass auch die Schöpfer des Abends ihn als Ausdruck ihrer Zuneigung zu Nurejew gedacht haben. Doch wenn in ihrer Inszenierung der Mensch Nurejew gezeigt wird, dann vor allem mit jenen Seiten seines Charakters, die heute, hätte er sie so wenig im Griff wie offenbar der historische Nurejew, seinen gottgleichen Legendenstatus wohl erheblich ins Wanken brächten. Dazu kommt der im Verlauf des (Premieren-)Abends sich zunehmend verstärkende Eindruck, dass David Soares als – tänzerisch fulminanter – Darsteller Nurejews alleingelassen wurde. Und zwar eher nicht von den fünf Personen, die für die Übertragung des Werkes vom Bolschoi auf das Staatsballett Berlin zuständig waren, sondern vielmehr von der Inszenierung selbst: Sein Nurejew gerät, je länger der Abend dauert, zum Portrait eines unerträglich ungeduldigen, selbstbezogenen und herrischen Menschen. Die Sympathien, die „Nurejew“ anfangs für seinen Titelhelden erwecken zu wollen scheint – sie sind am Ende vollständig verdrängt vom (allerdings großen) Respekt für Soares‘ tänzerische Leistung.

Was also bleibt als Kern der Inszenierung? Margot Fonteyn berichtete einst, mit welchen Worten man es ihr schmackhaft machen wollte, den Jungspund aus Russland, der unbedingt mit ihr tanzen wollte, doch zumindest einmal zum Tee einzuladen: Nurejew, sagte man ihr, gehe auf die Bühne – und in einer Handbewegung von ihm seinen die Schwäne zu sehen. Von diesem Künstlertum berichtet „Nurejew“ nichts. Und vom Menschen Nurejew berichtet es vor allem das weniger Schmeichelhafte. Abgesehen von: Seiner Homosexualität.

                               Nimmt man nicht die Texte und Interviews seiner Schöpfer, sondern die Inszenierung selbst als Kronzeugen, so ist „Nurejew“ vor allem das Portrait eines Schwulen. Schwulsein ist - der Autor notiert es mit abgespreizten kleinen Fingern und mit gedanklichem Griff zum Dekolleté – ein nicht unwesentlicher, für sich genommen zur Darstellung eines „ganzen“ Menschen denn aber doch zu unbedeutender Aspekt - hierzulande. In Russland sieht das anders aus: Dass Nurejew selbst aus heutigen russischen Betonköpfen nicht zu tilgen ist, ist „Nurejew“ willkommener Anlass. Sein Portrait eines Schwulen, der auch Künstler und als solcher mit Talenten gesegnet war, die ihm einen Ausweg aus der ideologischen und sozialen Enge Sowjetrusslands eröffnet haben, macht die Relevanz „Nurejews“ aus. Die ist erheblich – für das Russland Putins, das es 2017 war, von heute (da „Nurejew“ dort verboten ist) ganz zu schweigen. Dabei entstanden Bilder, die anno 2026 in Berlin freilich niemanden zu erstaunen und schon gar nicht zu provozieren vermögen, sondern längst in der Popkultur verankert und damit ihrer einst subkulturellen Widerständigkeit längst verlustig gegangen sind: Nackte Männer auf der Bühne, Schwule in Leder, Drag Queens im Rock (die freilich 1961, als der Begriff „Drag Queen“ noch kaum geboren war, geschweige denn das Rollenbild, grundlegend anders ausgesehen und agiert haben dürften als die alles andere als damenhaften Conchita Wurst-Lookalikes in Serebrennikovs Inszenierung).

So ist „Nurejew“ am Ende nicht wirklich ein Ballett. Es ist nicht einmal gutes Theater, weil es seinen Titelhelden – nachvollziehbar, aber auch schamlos – als Mittel zum Zweck des politischen Widerstands und des Wesensausdrucks seiner Schöpfer nutzt. Was es ist: Eine atemlose, detailreich und aufs Üppigste bebilderte Tour de Force entlang der Biographie des schwulen Künstlers Rudolf Nurejew, chronologisch erzählt von seinen Leningrader Lehrjahren bis zu seiner letzten Rolle als Dirigent. Ein Spektakel ist es - nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Niemand muss es sehen, um etwas über Nurejew oder die Kunst des Balletts zu lernen, aber sehenswert ist es allemal. – Auch der Autor geht wieder hin, solange die Chance dazu besteht.

Staatsballett Berlin: „Nurejew“. Premiere (und Erstaufführung außerhalb Russlands): 21. März 2026, Deutsche Oper Berlin. Von Kirill Serebrennikov (Inszenierung, Libretto, Bühne), Yuri Possokhov (Choreographie) und Ilya Demutsky (Musik). Weitere Vorstellungen bis 17. Mai 2027.