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pulchinella 01 webYvonne Georgi – das ist doch Hannover! Hier leitete sie ab 1926 und erneut ab 1954 insgesamt 22 Spielzeiten lang das Ballett und bis 1972, drei Jahre vor ihrem Tod, 23 Jahre lang die Tanzausbildung der Hochschule. Georgis künstlerisches Schaffen verankerte Hannover auf der Landkarte der reisenden Tanzkritik der Zeit. Doch nicht im niedersächsischen Hannover, im thüringischen Gera trat die „frühe“ Wigman-Schülerin ihre erste Stelle als Ballettmeisterin an, wurde erstmals, wie das heute heißt, Ballettdirektorin: Zur Spielzeit 1925-26, 21 Jahre alt. Daran erinnert das Thüringer Staatsballett mit einem Strawinsky-Abend und, im Mai 2026, mit einem bemerkenswerten Festival.

Gera: Schon die Herrscher des Fürstentums Reuß jüngerer Linie, das 1848 aus dem Zusammenschluss kleinerer Fürstentümer hervorgegangen war, hatten dem Hoftheater ihrer Residenzstadt zu Bedeutung verholfen – was etwas heißen will angesichts der (schon damals) vielfältigen und nahen Konkurrenz in dem (noch heute) dicht mit Theatern gesegneten Gebiet der ehemaligen thüringischen Kleinstaaten. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie, in der Weimarer Republik, war Gera dann ein Theaterstandort mit Ambitionen, die selbst in der Hauptstadt Berlin wahrgenommen wurden. Geras 1924 bestallter Intendant Walter Bruno Iltz (der später das damals noch „Deutsche“ Volkstheater in Wien durch die gefahrvollen Jahre der Nazi-Herrschaft manövrieren sollte) stand für ein Theater des Aufbruchs: Stücke junger Autoren, moderne Opern – und für den neuen Tanz an seinem Haus holte Iltz Georgi nach Gera.TheaterGera

Die Leipzigerin Georgi war ab 1921 Schülerin Mary Wigmans in deren erster, der Dresdner Schule, die Wigman ein Jahr zuvor mit Berthe Trümpy gegründet hatte. Es sind die Jahre, in denen sich Wigmans Ausbildungsidee noch ausformt, noch mehr innere Haltung ist als schon fest(gezurrt)es äußerliches Konzept – und so dem tänzerischen Freigeist unterschiedlicher Talente Wege eröffnet, auf denen sich die stärksten dieser Talente in ganz individuelle Richtungen entwickeln sollten: Neben Georgi studierten und tanzten bei Wigman in Dresden „eigene“ Persönlichkeiten wie Gret Palucca, Hanya Holm und Vera Skoronel, Margarethe Wallmann, Max Terpis und Harald Kreutzberg. In Wigmans Tanzgruppe machte Georgi sich einen Namen und unterschied sich – wie Helmut Schmidt-Garre es beschrieb - von Wigmans Herbheit und Erdschwere durch eine weichere, fraulichere Linie und „mit der Freude am Sprung“.

pulchinella 09 webSie tanzte dann ein Jahr bei Kurt Jooss – noch in Münster – und folgte darauf dem Ruf nach Gera. Am Reußischen Theater hatte sie durchaus künstlerischen Erfolg, doch sie blieb nur ein Jahr. Die Kritik lobte die künstlerische Qualität ihrer Arbeit, aber das Geraer Publikum freundet sich nicht damit an – und so folgt Georgi schon zur Spielzeit 1926-27 dem (ersten) Ruf nach Hannover. Sie verpflichtet dorthin Harald Kreutzberg, wird, parallel zur Arbeit mit ihrem Ensemble, dessen Tanzpartnerin, und beide bestreiten sie bis 1931 zahlreiche Gastauftritte und tragen mit drei Tourneen in die USA entscheidend dazu bei, dort dem neuen Tanz aus Deutschland Tür und Tor zu öffnen. Es folgen die Übersiedlung nach Amsterdam samt der Gründung einer Schule und einer Tanzkompanie dort, zahlreiche internationale Gastspiele, 1951 Düsseldorf (wohin sie wiederum Walter Bruno Iltz holt) und schließlich, als letzte Station, noch einmal Hannover.pulchinella 36 web

Gera ist in Georgis künstlerischer Vita also allenfalls eine Episode: eine Spielzeit nur. Und dass diese Spielzeit tatsächlich, wie uns die Geraer Ankündigungen heute mitteilen, den „tänzerischen Aufbruch in Gera“ markiert und Georgis Einfluss auf die Tanz- und Ballettgeschichte der Stadt „bis heute“ „anhält“, mag zwei, drei Nummern zu groß formuliert sein. Aber doch ist Georgis erste Spielzeit als Direktorin in Gera eben die erste Spielzeit am Anfang einer bedeutenden Tanz- und Theaterlaufbahn, und das Thüringer Staatsballett, das heute die Theater in Altenburg und Gera bespielt, steht in der Nachfolge jener Zeit. Ergo kann und mag man es dem Ensemble, wissenschaftlich und dramaturgisch klug beraten von Ralf Stabel, nicht verübeln, dass es sich des eigenen Anteils an diesem Stück Tanzgeschichte erinnert und ihn zum Anlass für eine große Feier nimmt.

pulchinella 41 webDer Strawinsky-Abend, der die Geraer Georgi-Feierlichkeiten im Februar eröffnete, beginnt mit einer neuen „Pulcinella“-Inszenierung, und die wiederum beginnt in Geras Küchengarten. Die Grünanlage verbindet das 1902 eröffnete Theater von Heinrich Seeling (in dem, schon seinerzeit selten und inzwischen einzigartig, unter demselben Dach ein Theater- und ein separater Konzertsaal untergebracht sind) mit der Orangerie, in der heute die städtische Kunstsammlung residiert (samt einer eindrucksvollen Ausstellung über Otto Dix), und führt weiter bis zur Brücke über die Weiße Elster, an deren gegenüberliegendem Ufer das Elternhaus von Otto Dix steht. In Arshak Ghalumyans „Pulcinella“ geht Yvonne Georgi anno 1925 durch den Küchengarten und sinniert dort über das Stück (das die historische Yvonne Georgi 1926 in Gera zur Premiere brachte, mit ihr selbst – „libellengleich“, wie die Kritik es beschrieb - in der Rolle der Pimpinella). Wir sehen ein Spiel im Spiel und sehen Georgi dabei zu, wie ihre Ideen in der Arbeit mit ihrem Ensemble Tanz werden, choreographiert – Georgis Choreographie ist verloren – von Arshak Ghalumyan.pulchinella 47 web

Ghalumyan, Jahrgang 1985, in seiner Heimat Armenien und an der Hamburger Ballettschule ausgebildet, war viele Jahre Mitglied des Staatsballetts Berlin und ist heute Co-Leiter der freien „Berlin Ballet Company“. In den zwei (handlungslosen) Arbeiten, die der Autor zuvor von ihm sah, in einem „Junge Choreographen“-Programm des Staatsballetts und im Jahr 2025 für die Staatliche Ballettschule Berlin, zeigte er sich als ein form- und stilbewusster Choreograph, dessen Bewegungsfindung moderne und urbane Einflüsse in den Vordergrund stellt und in attraktive Tanzwerke zu übersetzen versteht. Sein Geraer „Pulcinella“ indes scheint ihn überfordert zu haben.

pulchinella 52 webSchon die Handlung des Originals ist durchaus komplex und erfordert hohe Könnerschaft in Sachen Handlungsballett, um sie mit erzählerischer Präzision und zugleich mit der für das Sujet erforderlichen Leichtigkeit darzustellen. Hier aber wird die Herausforderung noch einmal anspruchsvoller durch das Spiel im Spiel und die Absicht zu zeigen, wie aus Georgis Gedanken konkrete Choreographie wird. Diese Handlungsebene begleitet zusätzliche Musik für Trompete und Live-Elektronik, die Intermezzi gleich zwischen die „Nummern“ der Komposition Strawinskys gesetzt sind – und den Fluss der Inszenierung hemmen. Dennoch ist Ghalumyans „Pulcinella“, das zugleich eine Fantasie über Yvonne Georgi ist, ein thematisch charmanter und choreographisch achtbarer Versuch mit schönen Aufgaben für die Tänzerinnen und Tänzer des Thüringer Staatsballetts, die anschließend, in John Crankos „Jeu de Cartes“ von 1965, freilich erst so recht „aufdrehen“ und mit ihrer technischen Bravour und hinreißenden Spielfreude auftrumpfen dürfen.jeudecartes17 web

Der Strawinsky-Abend wird im Mai im Rahmen des Festivals „100 Jahre tänzerischer Aufbruch in Gera“ noch einmal in Gera zu sehen sein (und ab Ende Mai in Altenburg). Das Programm des Festivals vom 8. bis 21. Mai 2026 in Gera ist höchst interessant und vielfältig aus Eigenproduktionen des Staatsballetts, Gastspielen, Konzertprogrammen, Ausstellungen, Führungen und Gesprächsformaten komponiert. Drei besondere Höhepunkte unter anderen: Eine Rekonstruktion von Georgis „Glück, Tod und Traum“ zu Gottfried von Einems Musik, ein Gastspiel des Bundesjugendballetts aus Hamburg mit John Neumeiers „Die Unsichtbaren“ und die Aufführungen des Boston Dance Theaters, dessen Gründer Jan Veen niemand anderes ist als der Österreicher Hans Wiener, der zu Georgis Geraer Tanzgruppe gehörte (siehe dazu das Portrait in der Wiener Tanzgeschichte von Gunhild Oberzaucher-Schüller).

Thüringer Staatsballett: „Jeu de Cartes / Pulcinella“, Choreographien von John Cranko und Arshak Ghalumyan. Musik von Igor Strawinsky (vom Band), bei „Pulcinella“ ergänzt um Intermezzi von Kian Jazdi (live). Premiere / Uraufführung am 6. Februar 2026, Gera, Großes Haus. Premiere in Altenburg am 31. Mai 2026. In Gera noch einmal am 17. Mai 2026 im Rahmen des „Ballettfestivals Gera26“. www.theater-altenburg-gera.de

 

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