Ganz bestimmt ist diese Produktion ein Theater-Highlight der Saison: „L‘Opera seria“ zum Libretto von Ranieri de‘ Calzabigi und der Musik von Florian Leopold Gassmann. Hier gelang Regisseur Laurent Pelly eine höchst vergnügliche und intelligente Inszenierung des Werkes, das den Opernbetrieb seiner Zeit als Meta-Oper auf die Schaufel nimmt. Auch musikalisch war internationales Top-Niveau zu erleben, sowohl von den Sänger*innen, als auch vom Ensemble Les Talens Lyriques unter der Leitung von Christophe Rousset.
Seit Theater als kulturelle Praxis institutionalisiert ist, gab es immer wieder Parodien und Satiren zu dessen Betrieb. Die Situation „Theater im Theater“ war und ist dramaturgisch beliebt, ermöglicht sie doch Theaterschaffenden und Publikum unterhaltsame Reflexion und Kritik des Mediums zugleich. Besonders im 18. Jahrhundert, der Aera der Theater-Traktate, entstanden viele Bücher, die Theorien zu den dramatischen Künsten bereitstellten und auch gleich Anleitungen zur einzig richtigen Gestaltung von Aufführungen empfahlen. 
Natürlich rief das auch die Praktiker auf den Plan und Komponisten wie Librettisten schrieben herrliche Parodien auf musikdramatische Werke. Erwähnt seien Giuseppe Maria Buini, Paisiello, Salieri, Donizetti. Selbst dem dichterischen Meister der Opera seria, Metastasio, wird das Libretto zum Intermezzo „L’impresario delle Canare“ zugeschrieben.
Der wunderbaren Persiflage „L’opera seria“ von Calzabigi/Gassmann, 1769 am Burgtheater in Wien uraufgeführt, liegt unter anderen Vorbildern mit Sicherheit ein 1720 erschienenes Pamphlet von Benedetto Marcello zugrunde, „Il teatro alla moda“. Darin parodiert er den Opernbetrieb seiner Tage und nimmt das Verhalten der Protagonist*innen beißend komisch unter die Lupe: Den Impresario, den Librettisten, den Komponisten, erste und zweite Sänger*innen, die Mütter der Sängerinnen, den Tanzmeister, die Tänzer.
Es treffen einander zur ersten Probe einer Opera seria namens „L’oranzebe“ alle beteiligten Personen. Sie tragen ‚sprechende‘ Namen und heißen etwa „Fallito“ wie der Impresario, dessen größte Sorge als freier Unternehmer naturgemäß die Produktionskosten sind. „Delirio“ ist der Librettist, stets in einem Gewaber von Versen und Worten gefangen und in der damaligen Rangordnung noch vor dem Komponisten stehend. Dieser, „Sospiro“ genannt, hat zu Delirios Kummer wenig Ahnung von Dichtung und Versmaß. Er setzt sich sogar über den Inhalt des Librettos hinweg, wenn er zum Beispiel eine Passage stürmenden Unwetters mittels lieblicher Melodie vertont. Darüber hinaus ist er dauernd mit Änderungswünschen der zweiten Sängerin beschäftigt, in die er verliebt ist.
Delirio ärgert sich aber auch über den Primo uomo, den Tenor „Ritornello“ mit minimaler Bildung und keinerlei Wissen über antike Mythologie, wie er befindet. Wenn im Libretto das Gleichnis von Skylla und Charybdis zitiert wird und Ritornello „scilla“ zu singen habe, insistiert dieser jedoch auf „Sicilia“. Es stellt sich heraus, dass dies auch an seiner Leseschwäche liegt. Nicht ganz korrekt hält es auch die Prima donna „Stonatrilla“ mit den Noten. Nicht immer passen ihre Triller zu jenen der für eine Opera seria vorgesehenen. Außerdem ist sie launenhaft und besteht ständig auf Änderungen ihres Kostüms.
Diese Zickigkeit nutzt wiederum die junge Sängerin „Porporina“ aus, die eine Sternstunde ihrer Karriere wittert. Die Seconda donna „Smorfiosa“ wiederum ist erkältet und läßt sich von Ritornello trösten. Ein wichtiger Funktionsträger ist trotz Probenbeginns noch immer nicht angekommen, der Darsteller des Oranzebe, ein Kastratensänger.
Dann gibt es noch, wie in den ersten beiden Jahrhunderten der Oper obligat, Bühnentanz. Üblicherweise fanden Ballette an den Aktenden oder zwischen den Akten statt. Und so zerrt auch Tanzmeister Passagallo an den Nerven des Impresario mit Forderungen nach mehr Proben für das Ensemble. Es kommt, wie es muß, zu einem Streit aller mit allen und der Impresario ruft die Wachen zur Hilfe.
Der dritte Akt ist köstliches „Theater im Theater“, denn jetzt geht die einstudierte Oper „L’Oranzebe“ über die Bühne. Es bleibt offen, ob der Titelheld es noch rechtzeitig geschafft hat, denn noch vor seinem Auftritt wird die Vorstellung schon wieder abgebrochen. Die Szenerie droht nämlich einzustürzen, als die Prospekte herabfallen. Irgendwo mag der Impresario da an Geld gespart haben. Leider kann man ihn nicht zur Verantwortung ziehen, denn er ist in der Zwischenzeit über alle Berge getürmt, natürlich mit der Theaterkasse. Längst sind die legendären Mütter der Sängerinnen angereist, die ebenso köstlich spielen und en travestie besetzt sind. Sie alle leisten einander einen Schwur, den Impresario irgendwann in den Bankrott zu treiben.
Die Uraufführung dieses herrlichen Kleinods fand vor einem Jahr an der Mailänder Scala statt. Pelly ist die große Gabe der präzisen und intelligenten Personenführung gegeben, wodurch wirklich jede Rolle bravourös zur Geltung kam. Hier ist dem Ensemble wahre komödiantische Kunst gelungen, die alles andere als klamaukhaft ist. Es hat eben genau nichts zu tun mit Slapstick oder Blödelei, sondern steht in bester satirischer Spieltradition.
Selten ist eine komplette Aufzählung der allesamt großartigen Sänger*innen so angebracht: Pietro Spagnoli (Fallito), Mattia Olivieri (Delirio), Petr Nekoranec (Sospiro), Josh Lovell (Ritornello), Julie Fuchs (Stonatrilla), Andrea Carroll (Smorfiosa), Serena Gamberoni (Porporina), Alessio Arduini (Passagallo). Hier wurden Gesangskunst und Spieltalent sowie Freude bewunderswert verbunden.
Und selbstverständlich seien die ausgezeichneten Les Talens Lyriques erwähnt, deren Leiter Christophe Rousset ja ohnehin einer der Großen in der Originalklangpraxis ist. Eine theatrale Sternstunde!
„L'Opera Seria“, Premiere am 28. Februar im Theater an der Wien
