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Morau Romeo5Schwerfällig kämpft sich die Gruppe auf die Bühne, lehnt sich gegen ein Hindernis, das sie aus dem Weg räumen muss. Als das Ende des Weges erreicht ist, offenbart sich das Kirchenfenster in seiner ganzen Gestalt. Dies ist der Auftakt zu einer 100-minütigen Reise in die Apokalypse, die Marcos Morau und das Opera Ballet Vlaanderen zum Thema „Romeo + Julia“ unternehmen.

Die Liebe der Jugendlichen, die in Shakespeares Drama den Feindseligkeiten rivalisierender Clans zum Opfer fällt, bleibt hier weitgehend ausgespart. In einer Eingangsszene wird sie durch spielende Kinder symbolisiert, die jedoch vom Geschehen außerhalb ihrer kindlichen Welt abgekoppelt sind. An den Gewaltexzessen nehmen sie nicht teil, bleiben außen vor, suchen sich ihnen zu entziehen und in Sicherheit zu bringen.Morau Romeo3

Denn hier geht es um Gewalt – und zwar durchgängig um jene, die der Choreograf in der literarischen Vorlage wie in Prokofjews Musik entdeckt. Sie ist der Gesellschaft, dem System immanent und manifestiert sich selbst in Momenten, in denen sich eine sanfte Annäherung zwischen den Menschen anzubahnen scheint. Man wird in einen albtraumhaften Strudel aus Grausamkeit, Barbarei und Gefühllosigkeit gerissen.

Morau RomeoImmer wieder tauchen Individuen auf, in denen man Romeo, Julia, Pater Lorenzo, Mercutio, Benvolio oder Tybalt erkennen könnte, doch sie werden nie explizit charakterisiert – namenlos agieren sie in diesem bestialischen System. Zusammen mit Pferden, Scheiterhaufen, Kerzen, Schwertern und den eingangs erwähnten Kirchenfenstern, bilden sie eine Welt der Symbolik, in der sich die Brachialgewalt stetig steigert – bis die Gruppe in einem Kreis aus Kirchenfenstern gefangen ist, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt.

Es ist dies die dritte Arbeit von Marcos Morau, die im Festspielhaus St. Pölten gezeigt wird. Seine einzigartige Bewegungssprache entfaltet sich vor allem in den Ensembleszenen. So schuf er mit dem Aterballetto durch eine Vervielfachung von Ennio Morricone ein eindringliches Portrait des Komponisten (tanz.at berichtete), verdichtete den Flamenco mit dem Ballet Nacional de España zu ohrenbetäubender und atemberaubender Intensität. Nun also steigert er das Gewaltpotenzial von “Romeo und Julia” zu einem Armageddon biblischen Ausmaßes.Morau Romeo4

Bei der Entstehung des Stücks (Premiere am 15. März 2025 in Gent) wurde Gaza durch Bombardements unbarmherzig dem Erdboden gleichgemacht. Als dieses Gastspiel in St. Pölten zu sehen war, tobte gerade der Krieg im Iran. Die Parallelen sind unübersehbar: Marcos Morau seziert mit brutaler Konsequenz den Zustand unserer Welt und bringt seine Botschaft mit Nachdruck zur Geltung. Das großartige Bühnenbild von Max Glaenzel und die Kostüme von Silvia Delagneau, die gleichermaßen Vergangenheit wie dystopische Zukunftsszenarien evozieren, schaffen das schwarz-weiße Ambiente, in das Bernat Jansà (Lichtdesign) unheilvolle Schlaglichter wirft.

Morau Romeo2Auf Grundlage der eindringlichen Musik von Sergej Prokofjew – wunderbar musiziert vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Gavin Sutherland – gelingt dem künstlerischen Team ein Statement, das im Moment schockiert, aufrüttelt und lange nachwirkt.

Marcos Morau. Opera Ballet Vlaanderen. Tonkünstler-Orchester Niederösterreich: „Romeo+Julia“ am 7. März 2026 im Festspielhaus St. Pölten